Vitamin Z

Was man nicht zum Leben braucht

Großbritannien 2013 – Tag 3

Heute geht es um 8:30 Uhr los, wir fahren mit dem Bus nach Tenby, einem kleinen Städtchen an der Südküste von Wales. Reiseleiter Franz berichtet, Tenby sei ein beliebtes Urlaubsziel für die Briten, denn es sei dort immer sonnig, und es gibt 4 Kilometer Sandstrand. Die Wettervorhersage hatte zwar Regen und Gewitter angekündigt, doch wir haben Glück, und es ist tatsächlich ein warmer und sonniger Tag. Wir fahren im weitesten Sinne an der Küste entlang durch allerlei Orte mit unaussprechlichen walisischen Namen.

Heute ist eigentlich ein Tag, an dem ich lieber zu Hause wäre, denn heute spielt der 1. FC Köln sein erstes Saisonheimspiel, und das ausgerechnet gegen Fortuna Düsseldorf, ein Derby, das es so seit 15 Jahren nicht mehr gegeben hat. Leider war aber der Urlaubstermin schon festgelegt, lange bevor die DFL den Spielplan der Liga bestimmt hat. Ärgerlich, aber nichts zu machen. Zu Hause habe ich meine Dauerkarte an den Mann gebracht, damit sie zumindest nicht verfällt. Außerdem ist auch noch Formel 1 und das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft der Frauen. Ich habe mir aber ein Internet-Sportradio auf mein iPhone installiert und hoffe, dass ich Zeit habe, vielleicht im Bus, zuzuhören.

Schließlich erreichen wir Tenby. Der Ort ist wirklich sehr schön, gar malereisch, wie man so sagt. Lauter pastellfarbene Häuser, zum Meer hin gelegen, bilden einen hübschen Anblick. Tenby liegt auf einer Steilküste an zwei Buchten, die durch eine kleine Landzunge getrennt sind. Man kann an der einen Bucht über steile Treppen zum Strand gelangen, an der anderen Bucht führt ein abschüssiger Weg hinunter. Leider reicht die Zeit nicht, um ein Bad im wirklich einladend aussehenden Atlantik zu nehmen. Wir wandern durch die Stadt und stoßen hinter einer zunächst ruhigen Straße plötzlich auf eine gewaltige Menschenmenge. Nicht nur in London ist heute Massensport (der Triathlon), sondern auch hier, es findet der „Tenby 10K Run“ statt, ein Lauf über zehn Kilometer mit Hunderten von Teilnehmern, und wir sind unversehens zum Zieldurchlauf geraten. Mitten auf der Straße, vor einem geschlossenen Laden sitzt tatsächlich ein Orchester aus 30 Musikern, die gerade Memory anstimmen, als wir dort eintreffen, und dann den Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester von Dmitri Schostakowitsch, ein sehr schönes Stück, vielleicht dem ein oder anderen aus Stanley Kubricks Eyes Wide Shut bekannt. Die Straße vor dem Zieleinlauf ist abgesperrt und Tausende von Zuschauern jubeln den Läufern zu, die nach und nach im Ziel ankommen. Wir spazieren noch ein wenig an der Küste entlang zu der Landzunge, zu der es steil aufwärts geht. Oben ist eine alte Turmruine, gar nicht mal so groß, nur ca. 5×5 Meter, und eine gewaltige Statue von Prince Albert, dem Ehemann von Queen Victoria. Die Aussicht von hier oben ist spektakulär. Vielleicht kann man hier tatsächlich eines Tages mal für ein paar Tage herkommen. Dann gehen wir zurück zum Bus und es geht weiter.

Unser nächstes Ziel ist St Davids (oder auf walisisch Tyddewi) ein Ort im westlichsten Zipfel von Großbritannien. Dort liegt der walisische Nationalheilige St. David begraben, in einer Kathedrale, die auch seinen Namen trägt. Es geht es durch schöne Landschaften, grünes Hügelland, aber auch gebirgige Strecken auf schmalen einspurigen Straßen, die auf einer Seite nur von einem unheimlichen Abgrund begrenzt werden. Unser Fahrer Andrew schafft es aber problemlos, die gefährlichen Steigungen auf und ab zu meistern, ohne dass der Bus in einen Abgrund stürzt. Für Akrophobiker wie mich ist das hier nicht die ideale Strecke.

Auch in St Davids ist das Wetter sonnig und warm. Vom Busparkplatz zur Kathedrale muss man allerdings ein ganzes Stück laufen, und es geht stetig bergab. Die Kathedrale ligt nämlich ungewöhnlicherweise in einer Talmulde zwischen den Hügeln. Übrlicherweise baut man solche Kirchen eher auf den Hügel, damit man das Gotteshaus auch von überall sieht. Hier hat man aber lieber Vorsicht walten lassen, so berichtet uns Franz, denn die Gegend wurde wohl oft von Wikingern oder Freibeutern heimgesucht, und man wollte dann doch nicht, dass man den Reichtum der Gemeinde schon aus der Ferne sehen kann. Tatsächlich sieht man die Kathedrale erst wenn man durch das Torhaus kommt, und auch dann steht man noch auf einem Hügel, etwa auf gleicher Höhe mit dem Dach der Kirche. Der Anblick ist fantastisch, die Kathedrale im normannischen Stil ist gewaltig, und gleich nebenan ist noch die Ruine des alten Bischofspalatstes. Man muss eine steile Treppe und einen ebenso steilen Weg hinabsteigen, um zur Kirche zu gelangen. Der steile Hang wurde früher auch als Friedhof genutzt, ein ungewöhnlicher Anblick. In der Kathedrale ist Fotografieren nur gegen Gebühr erlaubt. Ich verzichte darauf, mir eine Lizenz zu kaufen, mache aber heimlich zwei oder drei Handyfotos. Die Kirche hat eine interessante Holzdecke aus späterer Zeit und wir besuchen den Schrein des Heiligen. St Davids liegt so weit ab, dass einst Papst Calixtus II festgelegt hat, dass zwei Pilgerfahrten hierher gleichwertig seien mit einer Pilgerfahrt nach Rom. Das wäre also halb geschafft.

Gerade als wir die Kathedrale verlassen, ist es in Deutschland 15:30 Uhr, Zeit für den Anstoß in Müngersdorf, und ich packe die Kopfhörer aus. Das Internetradio funktioniert bestens, und ich bin rechtzeitig zum Anstoß dabei, gerade als ich die steile Treppe hoch zum Torhaus erkommen habe. Die Atmosphäre aus dem Stadion kommt gut rüber. Wir gehen langsam zurück in Richting des Busparkplatzes, aber es ist noch eine Stunde Zeit bis es weitergeht. Während ich in einem Delikatessenladen anstehe, um mit ein Cornish Pasty zu kaufen, fällt das 1:0 für Düsseldorf. Der Effzeh spielt ganz schwach. Auch das noch! Nach dem Pasty kaufe ich mir noch ein leckeres Softeis, wie es hier in der Gegend hergestellt wird, und wir setzen uns auf eine Bank und schauen dem Treiben zu (und ich höre Fußball). Mit dem Ende der ersten Halbzeit wird es Zeit, wieder zurück uzum Bus zu gehen. Kein einziger Torschuss vom Effzeh. Düsseldorf führt völlig zu Recht. Inzwischen hat auch das EM-Endspiel begonnen, hierzu muss ich allerdings meine Informationen über Twitter beziehen.

Mit dem Anstoß zur zweiten Halbzeit geht dann die Reise weiter, und ich kann in Ruhe weiter zuhören. In der zweiten Halbzeit spielt der Effzeh deutlich besser und Ujah erzielt schließlich den Ausgleich. Der Effzeh hat sogar noch Möglichkeiten das Spiel zu gewinnen, letztendlich bleibt es aber beim wohl gerechten 1:1. Es muss wohl auch um das Spiel herum allerlei los gewesen sein in Köln, es seien Gullideckel und Ziegelsteine gegen Busse und Straßenbahnen geworfen worden, und die Polizei habe teilweise die gesamte Aachener Straße sperren müsse, heißt es. Derweil wird die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen Europameister. Also wie immer. Deutschland ist seit 1995 ununterbrochen Europameister und wird es nun auch bis mindestens 2017 bleiben.

Wir machen noch einmal eine kurze Rast in einem kleinen Ort namens Llandovery. Hier gibt es eine alte Burgruine auf einer kleinen Anhöhe direkt neben dem Parkplatz und eine moderne 5 m hohe Skulptur aus Stahl zu Ehren des walisischen Helden Llewelyn ap Gruffydd Fychan, der hier 1401 für seine Unterstützung der Rebellion des Owain Glyndwr durch König Henry IV hingerichtet wurde. Es führt ein Weg zur Skulptur hoch, den ich erklimme und von dort weiter bis zur Burgruine. Neugiereig erklimme ich auch diesen Pfad, doch der Blick von oben auf den Parkplatz hinunter erzeugt mir mulmige Gefühle und ich kehre um. Der Weg zurück zur Skulptur erweist sich auf dem Rückweg als viel steiler als er auf dem Hinweg erschien. Ich schaffe es aber trotzdem wieder nach unten, und dann geht die Fahrt schon weiter.

Unser letztes Ziel heute ist der kleine Kurort Llandrindod Wells in Mittelwales. Dort gibt es zwar nicht viel zu sehen, aber unser Hotel für heute ist dort. Diesmal kein Kettenhotelbunker, sondern ein großer alter Gasthof, der seit über 100 Jahren in Familienbesitz ist. The Metropole heißt das Hotel, ein Name, der irgendwie nicht so recht zu einer 5000-Einwohner-Stadt passt. Das Hotel ist aber schön, und das Abendessen ist gut. Auf dem Zimmer gönne ich mir dann doch noch mal ein Live-Fußballspiel, das Endspiel des Gold Cups, der Nord- und Mittelamerikameisterschaft, wird live irgendwo im Internet übertragen. Das Spiel ist allerdings langweilig, und die USA besiegen Panama mit 1:0. Dann bin ich müde und schlafe auch schon ein, daher gibt es diesen Bericht erst heute vormittag.

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