Vitamin Z

Was man nicht zum Leben braucht

Großbritannien 2013 – Tag 8

Heute war ein ungewöhnlicher Tag, der so nicht geplant war. Dazu muss ich etwas ausholen. Ein großer Teil der Reisegruppe ist ist bisher mit Reiseleiter Franz unzufrieden. Man bemängelt einerseits zuwenig Informationen und fehlende Gelegenheiten für Mittagsessen. Andererseits scheint der Mann aber auch Alkoholiker zu sein, und es beeinflusst unglücklicherweise seine Arbeit. Als er in Chester verschlief, war er wohl betrunken und musste vom Hotelmanager wachgerüttelt werden, und an dem Tag war er zunächst auch recht schweigsam, weil er, so berichtet Fahrer Andrew, zunächst vorne im Bus noch seinen Rausch ausschlafen musste. Mehrere Teilnehmer der Reise berichten auch über Alkoholfahnen, und gestern, am zweiten Abend in Grantown-on-Spey, stürzte er schwer hinterm Haus und zog sich eine schwer blutende Platzwunde zu. Auch Andrew hat die Nase voll davon, scheinbar wird er von Franz recht herablassend behandelt. Am Abend hatte ich schon erfahren, dass einige Teilnehmer Franz schon nach Chester zur Rede gestellt hatten und ihm zwei Tage Frist zur Besserung gesetzt hatten. Eine zufällig anwesende Reiseleiterin einer anderen Gruppe leistete nach dem Sturz erste Hilfe, und Franz wankte schwerfällig auf sein Zimmer. Da man sich auch Sorgen um seinen Zustand machte, warf Andrew einen Blick durch sein Fenster und sah ihn angezogen schlafend auf dem Bett. Nun haben alle die Nase voll, und Andrew droht schon damit, den Mann in Grantown zurückzulassen, wenn er nicht pünktlich ist. Später stellt sich heraus, dass hinter dem Hotel leere Wodkaflaschen gefunden wurden, und dort andere unfeine Dinge geschehen sind. Der Hotelmanager bat Andrew morgens noch das aufzuräumen und Franz auf keinen Fall im Hotel zurückzulassen, denn er bekäme dort nun Hausverbot.

Am Morgen erscheint Franz dann auch pünktlich, und wir reisen los Richtung Pitlochry. Unterwegs werden von verschiedenen Reiseteilnehmern Emails an die zuständigen Reisebüros verschickt mit Beschwerden über den Reiseleiter. Man hofft darauf, dass Franz heute abend in Edinburgh ersetzt werden kann. Eigentlich schade, denn ich mag seine betuliche Art ertwas zu erzählen eigentlich, aber sein Verhalten ist in der Tat inakzeptbel. Schließlich hat man die Reise mit gutem Geld bezahlt, da hat man auch einen gewissen Anspruch. Wir erreichen Pitlochry, ein kleines Hochlandstädtchen, machen dort aber nur eine kurze Kaffeepause. Dann geht es weiter zur eigentlichen Attraktion des Tages: der Besuch in der Whisky-Distillerie Edradour. Bevor wir dort ankommen, treffen auch schon Antworten von der Reisebüros an, man ist besorgt oder entsetzt, und will sich schnellstens um die Angelegenheit kümmern.

Diese Distillerie ist die kleinste in Schottland, hier werden nur 15 Fässer pro Woche produziert. Zunächst zeigt man uns einen kleinen Flim über die Produktion und wir dürfen den hiesigen 10 Jahre alten Whisky probieren, der ganz ordentlich schmeckt, und auch einen Sahnelikör, den man damit macht. Florian aus Bayern, der hier ist, um sein Englisch zu verbessern, ist unser Führer durch die Brennerei. Er zeigt uns den Lagerraum, wo Fässer über Fässer eingelagert sind, in denen der gute Tropfen heranreift, und wo es ausgesprochen gut riecht. Dafür verantwortlich ist der Anteil der Fassinhalte, der im Laufe der Zeit verdunstet, ca. 2% pro Jahr. Die Schotten nennen das „Angels‘ Share“. Dann zeigt Florian und die wirklich kleine Distille mit zwei Maischbottichen und zwei Brennkesseln. Es werden hier zwei Whiskysorten hergestellt, der Edradour, und eine rauchige Variante davon, die den Namen Ballechin trägt. Außerdem werden allerlei Spezialsorten produziert, bei denen der Whisky nach 10 Jahren im Sherryfass noch drei Jahre in Weinfässern unterschiedlichster Sorte gereift ist. Im Shop wird alles mögliche angeboten, unter anderem auch Whiskys von Distillen, die es nicht mehr gibt, und die man hier ein gelagert hat. Es gibt Flaschenpreise bis zu 6000 Pfund. Ich entscheide mich für einen 12jährigen Edradour und ein Glas Whisky-Orangenmarmelade.

Als wir zum Bus zurückkommen, teilt uns Andrew die Hammermeldung mit: er hat einen Anruf von seiner Agentur bekommen, Franz ist gefeuert und darf den Bus nicht mehr betreten. Wir sollen unser heutiges zweites Ziel, den Küstenort St Andrews auf eigene Faust erkunden und dann nach Edinburgh fahren, wo wir abends oder auch am Morgen einen neuen Führer bekommen soll. Uff. Wir fahren los und lassen Franz dort stehen, er winkt uns noch zu, als wir abfahren. Ein wenig ist ironisch ist es schon, einen Alkoholiker ausgerechnet an einer Whisky-Destillerie auszusetzen. Andrew sagt noch man habe ihm gesagt, es sei weder seine noch unsere Aufgabe darüber nachzudenken wie Franz dort wegkommt. Schon krass eigentlich. Wir fahren also führerlos ab, Richtung St. Andrews.

Als wir auf Perth zufahren, fällt mir ein, dass Franz anfangs in Schottland von Stone of Scone erzählt hat, dem Kröningsstein, auf dem traditionell die schottischen Könige gekrönt wurden, bis der englische König Edward I ihn geraubt und mit nach England genommen hat. Dort hat man ihn jahrhundertelang unter dem Thron in der Westminster Abbay aufbewahrt und englische Könige auf ihm gekrönt. Erst vor wnigen Jahren hat man den Stein wieder zurück nach Schottland gebracht, ins Castle Edinburgh. Ursprünglich war der Stein aber in Scone, und das liegt bei Perth. Da Franz das nicht berichtet hatte, und ich die Geschichte kenne, nehme ich mir mal ein Herz und setzte mich nach vorne ans Mikro und berichte die fehlenden Teile der Geschichte plus noch ein paar Fakten über Perth, die ich schnell in der Wikipedia nachgeschlagen habe. Es gibt Applaus der Reiseteilnehmer. Ich setzte mich erst mal wieder zurück auf meinen Platz und schaue mir mit Hilfe von Google Maps und Wikipedia auf meinem iPad nach, was ich so über St Andrews in Erfahrung bringen kann. Schließlich setze ich mich wieder nach vorne und berichte davon, dass St Andrews schon aus dem 9. Jahrhundert stammt, und dass hier die Reliquien des Apostels Andreas liegen, der hier als St. Andrew der Nationalheilige von Schottland ist. Die alte Kathedrale hier ist nur noch eine Ruine, nach der Rerformation hat man sie verfallen lassen, die Ruinen sind beeindruckend, es stehen eigentluch kaum noch Wände, aber man kann die einzelen Kirchenteile noch genau erkennen. Außerdem ist hier die Heimat des Golfs, und es gibt hier den alten Golfplatz auf dem oft die Britisch Open ausgetragen werden. Wir nehmen uns zwei Stunden Zeit, den Ort zu erkunden, die Kathedrale zu besichtigen, die schöne Aussicht aufs Meer zu genießen und auch etwas zu Mittag zu essen. Das Wetter ist wunderbar, der Himmel ist strahlend blau. Ein wunderbarer Urlaubsort hier. Schließlich fahren wir weiter.

Die Reisebroschüre sieht vor, dass wir auf dem Weg nach Edinburgh die Küstenstraße nehmen und durch allerlei kleine aber schöne Dörfer fahren. Wikipedia sagt mir, dass es in der Kleinstadt Crail eine sehr schönen Hafen gibt, der schon viele Künstler inspiriert haben soll. Ich bitte Andrew, dort einen Fotostop einzulegen. Wikipedia hat nicht zu viel versprochen, die Aussicht an der Bucht ist spektakulär. Bei dem wunderbaren Wetter könnte man hier den ganzen Tag auf einer Parkbank sitzen und auf die Nordsee gucken. Aber wir müssen weiterfahren. Ich habe inzwischen Gefallen daran gefunden, interesante Fakten aus dem Internet zu erzählen, und auch die anderen Reiseteilnehmer sind dankbar dafür, dass die stundenlange Fahrt nicht völlig in Stille verläuft. Die Küstenstraße bietet viel schöne Landschaft, und vor allem einen Golfplatz nach dem anderen, unter anderem auch den ältesten der Welt, den Lundin Links Ladies 9, auf dem sogar einige vorzeitlich Monolithen stehen. Schließlich verlasen wir die Küstenstraße und fahren Richtung Edinburgh.

Vor Edinburgh überqueren wir noch die 2,5 km lange Forth Road Bridge, die über den Firth of Forth führt. Die Brücke wurde 1964 eröffnet aber inzwischen ist sie nicht mehr ganz fit, und man rechnet damit, sie 2017 für den Verkehr schließen zu müssen. Daher hat man inzwischen bereits begonnen, eine neue Brücke daneben zu bauen. Auch hier legen wir einem kurzen Fotostopp an den Aussichtsplattform hinter der Brücke ein.

Schließlich erreichen wir unser Hotel in Edinburgh, direkt am Zoo. Dort erwartet uns schon unsere neue Reiseleiterin, die uns zumindest morgen durch Edinburgh führen wird. Es ist Nadine, die bereits gesten mit einer anderen Gruppe auch im Craiglilly Hotel abgestiegen war und bei Franz erste Hilfe geleistet hatte. Sie begrüßt uns mit „Hallo, ihr Süßen, ich bin Nadine, und ich duze euch alle, damit müsst ich euch abfinden.“ Nunja. Die Reiseagentur lädt uns zur Entschuldigung zu einem Getränk in der Bar ein und spendiert uns Wein zum Abendessen. Das Restaurant des Holiday Inn Hotel versprüht einen Charme der irgenwo zwischen Jugendherberge und Kantine liegt. Auch WLAN kostet hier viel Geld, immerhin kann man gratis ins Schwimmbad. Abends sitzen wir noch etwas in der Bar, und ich ernte nochmal Dank für meine improvisierte Reiseleitung und man gibt mir auch einen aus.

Morgen werden wir dann Edinburg ausführlich besichtigen.

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