Vitamin Z

Was man nicht zum Leben braucht

Großbritannien 2013 – Tag 9

Für heute ist ein ausführlicher Besuch der Stadt Edinburgh vorgesehen. Wir versammeln uns mit der Reiseleiterin des Tages Nadine und machen zunächst mit unserem Bus eine Rundfahrt durch die Stadt. Nadine ist doch um einiges auskunftsfreudiger als Franz und redet und erzählt eigentlich ununterbrochen. Sie kommt auch aus Deutschland und lebt seit über zwanzig Jahren in Schottland. Sie identifiziert sich auch genug mit dem Land, so dass sie stets von „wir“ spricht, wenn sie die Schotten oder die Edinburgher meint. Sie zeigt uns zuerst die schön symmetrisch angelegte Neustadt („neu“ heißt hier 18. Jahrhundert), wo man viele Straße nach Mitgliedern des damals herrschenden Hauses Hannover benannt hat, z.B George Street, Charlotte Street, Princes Street, oder Hanover Street. Die Häuser sind oft sehr einheitlich im neoklassizistischen Stil. Wir steigen aus dem Bus aus und klettern auf den Calton Hill. Schon auf halber Höhe hat man eine fantastische Aussicht über Alt- und Neustadt und ihre 80.000 Schornsteine. Allerdings ist es auch schon ein schwindelerregender Anblick, und ich halte mich vom Abhang fern. Wir steigen den Hügel weiter hinauf bis ganz nach oben. Dort steht ein altes Observatorium, das aber geschlossen wurde, da es hier auf dauer zu neblig ist. Außerdem steht hier das National Monument für die im den Napoleaonischen Kriegen gefallenen schottischen Soldaten, laut Nadine auch „Shame of Edinburgh“ genannt. Man hat das Monument zu bauen begonnen, aber dann ging das Geld aus, und man ließ es einfach so stehen. So sieht es aus wie die Ruine eines Pantheons, aber mehr als das was dort steht, hat es nie gegeben. Wir wollen das Observatorium umrunden, aber der Weg ist so schmal und die Brüstung nicht einmal kniehoch, und es geht steil hinab. Ich verzichete lieber auf den Weg und warte am Observatorium, bis die anderen einmal herum sind. Dann geht es den Hügel wieder hinab, und eine steile Treppe führt quasi direkt auf den Abhang zu hinunter. Das ist schon sehr unangenehm, und ich merke, dass ich kurz vor einer Panikattacke stehe. Gottseidank kommt es aber nicht soweit, bevor ich eine „sicheren“ Weg erreiche und wir gelangen wieder zurück zur Straße.

Wir fahren weiter mit dem Bus durch die Altstadt. Wo in der Neustadt alle Straßen schön rechtwinklig und symmetrisch sind, ist hier alles chaotisch und organisch gewachsen. Wir machen einen Stopp am Holyrood Palace, der Residenz der Königin, wenn sie zu Besuch in Edinburgh ist. Hier haben auch früher schottische Könige, wie z.B. Mary Queen of Scots gelebt. Direkt gegenüber des Palasts hat man, damit die Queen, wenn sie mal da ist, es auch immer im Blick hat, das neue schottische Parlamentsgebäude errichtet, eine Abscheulichkeit moderner Architektur, die sich ein Spanier ausgedacht hat, der kurz danach an einem Hirntumor starb.

Vom Palast aus hoch zum Edinburgh Castle führt die Hauptstraße der Altstadt, gut eine Meile lang und daher auch „Royal Mile“ genannt. Wir fahren weiter mit dem Bus, einen Teil den Hügel hinauf, zur Burg hoch. Auf der Esplanade vor dem Tor der Burg sind die großen Tribünen aufgebaut, denn heute abend ist das Eröffnungskonzert des jährlichen Royal Military Tattoo. Außerdem beginnt heute auch das Edinburgh Fringe Festival, ein Theaterfestival, und überall auf der Royal Mile gibt es alle möglichen öffentlichen Darbietungen. Die Stadt ist unglaublich voll und laut. Ich glaube wir haben den geschäftigsten Tag der Jahres in dieser Stadt erwischt. Es ist ein wenig so, als wenn man Köln besichtigen will, und kommt am Rosenmontag.

Vor der Burg ist eine gewaltige Schlange, die um Eintrittskarten ansteht, aber dank unserer Reiseorganisation haben wir Expresstickets und können einfach an der Schlange vorbei in die Burg spazieren. Nadine führt uns herum, die steilen Wege in der Burg hinauf und zeigt uns zuerst die Kanone, die hier als Uhrzeitsangabe benutzt wird. Sie wird um 13 Uhr abgefeuert, damit auch die Seeleute unten im Hafen ihre Uhren stellen können. Dann verabschiedet sich Nadine von uns. Wir besuchen das National Monument, zunächst errichtet für Gefallene Schotten des ersten Weltkrieges, später aber auch für die Opferer anderer Kriege genutzt. Nebenan ist dann die eigentlch Burg. Dort stellen wir uns an, um die schottischen Kronjuwelen anzusehen, Krone, Zepter und Schwert, mit denen die schottischen Könige gekrönt wurden. Nach der politischen Union 1707 wurden sie nicht mehr benutzt, und in eine Kiste verpackt und nach London verschifft. Erst der Dichter Sir Walter Scott kümmerte sich später darum und brachte die Kiste wieder nach Schottland. Als man sie öffnete fand man neben Krone, Zepter und Schwert, auch einen silbernen Stab darin, dessen Herkunft bis heute ungeklärt geblieben ist. Alle vier Teile sind hier ausgestellt. Dann kann man auch noch die alten Gemächer besuchen, die allerdings vergleichsweise spartanisch sind, besonders die kleine holzverkleidete Kammer, in der Mary ihren Sohn James, der später König von Schottland und England werden sollte, geboren hat.

Wir schaun uns noch ein wenig in der Burg und machen uns dann auf den Weg, die Stadt noch auf eigene Faust zu erkunden. Gerade als wir die Brg verlassen, wird die One-O’Clock-Kanone abgefeuert. Über Twitter wurde mir nahegelegt, das direkt vor der Burg befindliche Whiskymuseum zu besuchen, allerdings stelle ich fest, dass es dort sehr, sehr voll ist, und ein lohnender Besuch auch lange dauert und nicht gerade billig ist. Da wir auch gerade erst eine Whiskydestillerie besucht haben, verzichten wir auf das Museum, aber ich habe fest vor, hier noch einmal herzukommen, und dann ist auch das Museum dran. Wir spazieren die Royal Mile hinunter. Teilweise ist kaum durchzukommen, so voll ist es hier heute. Wir besuchen noch, wie von Nadine empfohlen, die direkt an der Royal Mile gelegene St. Giles Cathedral. Hier gibt es eine große Metallarbeit mit einem Bild des Schrifstellers Robert Louis Stevenson, einem Sohn der Stadt. Urspünglich wurde er – ein pasionierter Raucher – mit Zigarette in der Hand dargestellt, doch das gefiel den Kirchenfürsten nicht, und man ließ das Kunstwerk umgestalten. Jetzt hat Stevenson einen Federkiel in der Hand. Ebenfalls auf der Royal Mile findet man das „Heart of Lothian“, ein Mosaik in Herzform, das sich dort im Fußboden befindet, wo sich einst ein Gefängnis
befand. Es gibt hier einen Brauch, im Vorbeigehen auf das Herz zu spucken, ursprünglich um seine Verachtung vor den hier eingesperrten Verbrechern zu zeigen, heutzutage dagegen soll dies einfach Glück bringen. Außerdem hat auch der Edinburgher Fußballverein Hearts of Midlothian dieses Herz als Wappen gewählt.

Wir versuchen ein Lokal zu finden, in dem man etwas essen kann, aber alles ist überfüllt und man muss Wartezeiten von 30 Minuten in Kauf nehmen. Abseits der Royal Mile finden wir ein Lokal in dem im Außenbereich Plätze frei sind, aber es kommt niemand, der uns etwas verkaufen will, und drinnen ist es zu voll um sich bemerkbar machen zu können. Also gehen wir wieder und suchen weiter. Schließlich werden wir fündig und nutzen den Food Court in der Princes Mall. Von dort aus laufen wir weiter durch die Stadt. Ich bin versucht mir in einem der unzähligen Läden einen Kilt oder gar ein vollständiges Kiltkostüm zu kaufen, entscheide mich aber schließlich doch dagegen und kaufe nur ein dezentes Scotland-Rugbyshirt und ein Hoodie mit der Aufschrift „Edinburgh“. Wir kehren noch im Pub „The Brass Monkey“ abseits der South Bridge auf einen Cider ein und machen uns dann rechtzeitig auf zurück zum verabredeten Treffpunkt Waterloo Place mit dem Bus. Ich tüftele auf dem Stadtplan eine Route aus, die uns noch die restliche Royal Mile hinterführt bis zum Holyrood Palace und dem Parlamentsgebäude und von dort um den Calton Hill herum zum Treffpunkt. Als wir dort ankommen, müssen wir entsetzt feststellen, dass der Waterloo Place zwar die Straße hier kreuzt, allerdings etwa in der Höhe des fünften Stockwerks als Brücke, und so müssen wir noch einen steilen Umweg in Kauf nehmen, bevor wir dann den Bus erreichen und es zurück zum Hotel geht.

Abendessen gibt es erst um 19:30 und ich stecke mir dazu den Knopf ins Ohr und höre zu, wie der Effzeh im Pokal in Trier mit 2:0 gewinnt.

Fazit des heutigen Tages: Edinburgh ist eine tolle Stadt und gehört jetzt mit auf die Liste meiner Lieblingsstädte. Hier muss ich unbedingt noch einmal herkommen.

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