Vitamin Z

Was man nicht zum Leben braucht

Großbritannien 2013 – Tag 2

Heute geht es schon um 8 Uhr los, denn ein volles Programm steht an. Also 6:30 Uhr aufstehen, damit Zeit genug zum Duschen und Frühstücken ist. In der Lobby sammelt uns unser Reiseleiter ein. Sein Name ist Franz. Er ist Deutscher, lebt aber seit 40 Jahren in London. Er führt uns zum Bus, und schon geht es los. Franz stellt uns unseren Busfahrer vor. Andrew ist ein dunkelhäutiger Bulle von einem Mann, aber immer sehr freundlich. Wir fahren aus London heraus, in Richtung unseres ersten Zwischenstopps: Stonehenge. Obwohl Samstags morgens nur wenig Verkehr, ist dauert es eine ganze Weile, bis wir die berüchtigte Autobahn M25, die über 180 km lange Ringautobahn um den Großraum London herum, erreichen. Dort ist eigentlich immer Stau – der Brite nennt diesen Motorway auch gern the world’s biggest car park, doch heute morgen ist das kein Problem. Franz berichtet, dass es auf dem gesamten Ring nur ganze zwei Tankstellen und Raststätten gibt. Schließlich wechseln wir auf die M3 in Richtung Südwesten. Auch hier gibt es zwischen London und Salisbury – auch immerhin 130 km – nur eine Raststätte. Schon irgendwie bizarr. Wir machen dort auch einen Zwischenstopp, weil Franz darauf hinweist, dass an Stonehenge die Toiletten gewöhnlich überfüllt sind. Dann endet die Autobahn irgendwann; kurz vorher fahren wir an einem Schild vorbei, das auf das Autobahnende in 1m hinweist – für Kontinentaleuropäer erscheint dies doch eine recht kurzfristige Warnung, doch das m steht für Meilen, nicht Meter. Nach der Meile geht es dann auf einer Landstraße weiter. Irgendwann biegt Andrew unvermittelt von der Landstraße ab und beginnt im wahrsten Sinne der Wortes über die Dörfer zu fahren. Schnell sehen wir auch, warum: auf der Landstraße hat sich ein wahrhaft monumentaler Stau gebildet, dem wir so ausgewichen sind.

Nach der Fahrt durch diverse kleine Orte und schöne Landschaften erreichen wir den Standort von Stonehenge. Hier erweist sich, dass Andrews Umwegfahrt clever war, denn wir sind der erste Reisebus heute am Monument. Es dauert gar nicht lange und schon sind wir durch die Eingangsschranke. Der Eintrittspreis – für uns in der Reise enthalten – ist zivil, 8 Pfund für Erwachsene. Drinnen bekommen wir einen Audio Guide, ein elektronisches Gerät, das man sich ans Ohr halten kann und das einem zum bestimmten Orten auf Abruf dann schlaue Sachen über Stonehenge erzählt. Wir laufen durch einen Tunnel und eine Treppe hoch, und dann fällt der erste Blick auf das Monument. Es ist gewaltig. Die Steine sind riesig. Der Steinkreis selbst ist mit einem Seil abgesperrt, und die Touristen umrunden ihn gegen den Uhrzeigersinn, teils auf einem Weg, teils auf einer weitläufigen Wiese. Es sind viele Leute da, aber es ist auch viel Platz, und man kommt überall problemlos bis an das Seil heran. Irgendwie sieht es lustig aus, zig Leute laufen mit dem Apparat am Ohr herum, und es sieht aus, als wären sie alle am telefonieren. Ich mache aus allen möglichen Richtungen Fotos und höre mir die Begleiterklärung an. Schon sehr beeindruckend und spektakulär. Fotos werden dem nicht gerecht. Auch die Landschaft drumherum ist schön, ein bewaldeter Hügel, von dem man glaubt, dass einst Prozessionen von dort zum Steinkreis herkamen, und diverse Hügelgräber alter keltischer Stammesfürsten. Schließlich sind wir einmal um das Monument herumgelaufen und auch der Audio Guide ist durch. Inzwischen hat es sich gefüllt – gut dass wir so früh da waren. Es geht zurück zum Bus. Die Toilette hier ist tatsächlich überfüllt, stelle ich fest – zumindest für die Damen, da hat sich schon eine gut 30m (Meter, nicht Meilen!) lange Schlange gebildet. Das Herrenklo dagegen ist menschenleer. Und schon geht es weiter mit dem Bus, jetzt Richtung Salisbury.‚

Salisbury ist direkt um die Ecke von Stonehenge, und wir wollen dort die Kathedrale besichtigen. Es ist die Kirche mit dem höchsten Kirchturm in Großbritannien, und vielleicht ist dem ein oder anderen Ken Folletts Roman Die Säulen der Erde bekannt, für den der Bau dieser Kathedrale ein Vorbild war. Interessanterweise liegt die Katherdrale in einem eigenen, durch Mauern abgetrennten Stadtbezirk, der sogenannten Cathedral Close. Darin befinden sich Wohnhäuser von Personal der Kirche und angeschlossene Diözesan- und Bildungseinrichtungen, und ein großer Park, der die Kirche umgibt. Wir halten mit dem Bus am St. Ann’s Gate und betreten durch dieses Tor die Close. Sofort erlischt der Verkehrslärm hinter uns und es herrscht eine wunderbare Ruhe. Die Kirche ist nicht weit und sieht beeindruckend aus. Natürlich keine Konkurrenz für unseren schönen Dom, aber immerhin. Wir machen einen Rundgang durch die Kathedrale, in der man allerlei interessante Dinge sehen kann, wie z.B. den freistehenden Mechanismus von Englands ältester noch funktionierender Kirchenuhr. In der Vierung kann man sehen, dass zur Bauzeit Statik wohl noch kein verbreitetes Lehrfach war. Man hat beim Bau einfach den gewaltigen Kirchturm auf die Vierung aufgesetzt, ohne sich groß Gedanken zu machen, und wenn man nicht später metallverstärkte Stützsäulen eingebaut hätte, wäre der Turm vermutlich längst eingestürzt. Die steinernen(!) Säulen sind allerdings auch schon krumm vom Gewicht des Turmes. An die Kathedrale angebaut ist ein gewaltiger Kreuzgang und ein Kapitelhaus, und hier wird es richtig interessant – hier liegt das Original der Magna Carta von 1215, und man kann sie aus nächster Nähe begutachten. Sie ist in etwa so groß wie ein DIN-A3-Blatt und sehr eng mit kleiner Schrift in Latein beschrieben. Keine Schnörkel oder Illumnationen, nur harte Fakten, 800 Jahre alt und immerhin das, was man am ehesten als eine Verfassung hier ansehen kann. Da hat sich König John ganz schön über den Tisch ziehen klassen. Fotografieren darf man die Magna Carta zu ihrem Schutz allerdings nicht. Das hat sicher nichts damit zu tun, dass man Replikate in allen möglichen Formen und Größen käuflich erwerben kann, allerdings immerhin zu zivilen Preisen. Schließlich geht es wieder zum Bus, und wir reisen weiter nach Bath. Auf der Fahrt komme ich auf die Idee, mir Bill Brysons Buch Notes from a Small Island auf den Kindle zu laden und zu lesen. Bryson ist ein humorvollen Reiseschriftsteller, von dem ich schon das eine oder andere Buch gern gelesen habe. Er sei hiermit empfohlen.

Bath ist eine Kurort an einer heißen Quelle, den schon die Römer nutzten (also quasi das englische Baden-Baden). Wir fahren dorthin, um das alte Römerbad zu besichtigen. Das Zentrum von Bath liegt in einem Tal zwischen allerlei Hügeln und die Stadt hat sich auch auf die Hügel hinauf ausgebreitet, etliche Häuser, oft Reihenhäuser sind an Hänge gebaut, und die Straßen haben teils schwindelerregende Steigungen. Das Bemerkenswerteste an Bath, find ich, ist aber das Gesamtstadtbild. Nahezu jedes Gebäude dieser Stadt ist aus einem markant honiggelb-grauen Stein gebaut, der in der Nähe abgebaut wird, dem sogenannten Bath Stone. Das gilt für alte Häuser aus dem Mittelalter und der Römerzeit, für Gebäude im georgianischen Stil aus der Zeit, da die Stadt die Hügel hinauf gewachsen ist, und auch für moderne Gebäude des 21. Jahrhunderts. Faszinierend. Wir parken auf dem einzigen Busparkplatz der Stadt am Ufer des Avon und laufen zum Römerbad. Die Stadt ist voller Menschen, denn viele Touristen kommen am Wochenende her. Am Bad angekommen müssen wir eine Weile warten, bis wir eingelassen werden. Ein Straßenmusikant spielt auf dem Platz vor dem Bad und der Bath Abbey auf der Stromgitarre Variationen über Sultans of Swing und Misirlou. Dann werden wir eingelassen. Auch hier gibt es Audio Guides, die uns alles Mögliche über die Römer und ihre Badegewohnheiten erzählen. Da es in Köln ja auch den ein oder anderen Römer gab, ist uns vieles davon nicht neu. Interessanteweise gibt es an einigen Stellen hier einen speziellen Extrakommentar von – Bill Bryson! Eine angenehme Überraschung. Ich schwänze schließlich die meisten Standardkommentare und höre mir nur noch Bryson an. Das Große Bad ist aber doch beeindruckend, wenn auch schmutzig. Baden darf man hier nicht. Man darf allerdings am Ende der Tour das angeblich heilfähige Quellwasser aus einem Brunnen trinken. Franz sagt, ein englischer Schriftsteller habe einst einer seiner Figuren die Aussage in den Mund gelegt, das Heilwasser von Bath schmecke „wie ein lauwarmes Bügeleisen“. Da ich noch kein Bügeleisen gegessen habe, kann ich das nicht bestätigen. Das Wasser ist in der Tat lauwarm bis heiß und schmeckt eigentlich nach – Wasser. Als wir das Bad verlassen, wartet dann ein ganz anderes Bad auf uns. Ein Platzregen hat begonnen. Wir suchen uns etwas zu Essen für zwischendurch, ich esse ein Cornish Pasty, eine Art gebackene, heiße Pastete mit Fleisch. Lecker. Dann geht es wieder zum Bus und wir fahren weiter.

Jetzt geht es nach Cardiff, wo wir übernachten werden, um dort morgen eine Tour durch Wales zu starten. Es regnet die ganze Fahrt über. Wir fahren an Bristol vorbei und überqueren die gewaltige Brücke über den Severn, bzw. über das Ästuar des Severn. Die Brücke ist fünf Kilometer lang und bildet quasi den Eingang nach Wales. Man muss eine Maut bezahlen, um darüber fahren zu dürfen, die auf der walisishen Seite eingesammelt wird. Eigentümlichweise muss man nur zahlen, wenn man Richtung Wales fährt. Richtung England ist frei. Die Brücke ist mir vor allem bekannt, weil meine Lieblingsband Marillion 1994 ein Konzeptalbum veröffentlich haben, dessen Handlung inspiriert war von einer Nachricht darüber, dass ein jungse Mädchen von der Polizei alleine auf der Brücke – die sich mitten im Nichts befindet – aufgegriffen worden war. Sie wusste nicht wer sie war, woher sie kam und weigerte sich zu sprechen. Diese Nachricht inspirierte die Band zu einer fiktiven Geschichte, wie es vielleicht dazu gekommen sein mag. Diese Geschichte kann man auf dem Album Brave hören. Das Album sei hiermit empfohlen. Hinter der Brücke erwartet uns der rote Drache von Wales, und alle Straßenschilder sind nun zweisprachig, englisch und walisisch. Es ist nicht weit nach Cardiff, und wir erreichen schnell das Hotel. Auch hier regnet es noch. Kurioserweise ist um die Ecke vom Hotel eine Straße, die „Stuttgarter Strasse“ (sic!) heißt. Das Hotel hier ist eine deutlich Verbesserung gegenüber dem gestern in London. Das Zimmer ist luxuriös, und auch das Abendessen im Hotel sehr gut. Nach dem Essen gehen wir noch einmal raus, um etwas zu Trinken für morgen zu kaufen. Welch ein Unterschied zu London gestern! Während dort die Stadt vor Menschen überquoll, sind hier um neun Uhr abends schon die Bürgersteige hochgeklappt. Selbst in der Fußgängerzone ist nichts mehr los. Nur ein einziger Pub hat noch Betrieb. Es mag aber auch mit dem Wetter zusammenhängen. Wir finden schlißlich einen Tesco’s, der noch geöffnet hat, und nachdem wir eingekauft haben, gehen wir zurück zum Hotel. Dort nehme ich erst einmal ein Bad in der großen Badewanne meines Hotelzimmers und höre Brave dazu. Gute Nacht!

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